Onkologische Vorerkrankungen in der Transplantationsmedizin
Die Beziehung zwischen Onkologie und Transplantationsmedizin ist vielschichtig. Einerseits kann eine Organtransplantation in seltenen Fällen Teil eines onkologischen Therapiekonzepts sein. So gilt beispielsweise die Lebertransplantation bei Patient*innen mit einem kleinen hepatozellulären Karzinom unter bestimmten Voraussetzungen als Therapieoption. Bei anderen soliden Tumoren wird die Organtransplantation als Krebstherapie bislang nur in Einzelfällen eingesetzt.1
Andererseits stellen zurückliegende Krebserkrankungen eine relevante Komorbidität dar, bei der das Risiko eines Tumorrezidivs unter der nach Transplantation erforderlichen Immunsuppression berücksichtigt werden muss.2,3
Tatsächlich spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle bei der Kontrolle verbliebener Tumorzellen. Eine langfristige Immunsuppression kann diese Tumorüberwachung beeinträchtigen und dadurch das Risiko für Rezidive erhöhen.4
Von pauschalen Ausschlusskriterien zur individuellen Risikobewertung
Die Einschätzung onkologischer Vorerkrankungen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während früher häufig feste Wartezeiten zwischen Tumortherapie und Transplantation empfohlen wurden, setzt sich zunehmend ein individualisierter Ansatz durch.3,5,6
Heute werden bei der Evaluation verschiedene Faktoren berücksichtigt. Dazu zählen die Tumorentität, das ursprüngliche Tumorstadium, die Zeit seit Erreichen der Remission, das zu erwartende Rezidivrisiko sowie die verfügbaren Behandlungsoptionen im Falle eines Rückfalls.3 So werden heute beispielsweise lokal begrenzte Prostatakarzinome und kleine Nierenzellkarzinome für eine Nierentransplantation anders bewertet als Tumorentitäten mit höherem Rezidivpotenzial.2,3
Diese Entwicklung ist auch auf Fortschritte in der Onkologie zurückzuführen. Verbesserte diagnostische Verfahren, molekulare Risikostratifizierungen und wirksamere Therapiekonzepte ermöglichen eine präzisere Einschätzung der individuellen Prognose als noch vor wenigen Jahrzehnten.6
Einfluss auf die Wartelistenaufnahme
Onkologische Vorerkrankungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme auf die Warteliste. Ziel ist es, das Risiko eines Tumorrezidivs nach Transplantation gegen den potenziellen Nutzen des Eingriffs abzuwägen.2
In der Vergangenheit wurden für viele Tumorarten Wartezeiten von zwei bis fünf Jahren nach erfolgreicher Tumorbehandlung empfohlen. Hintergrund ist die Beobachtung, dass ein Großteil der Tumorrezidive innerhalb der ersten Jahre nach der Primärtherapie auftritt.2,7
Neuere Daten zeigen jedoch, dass sich Rezidivmuster und Langzeitprognosen zwischen einzelnen Tumorentitäten erheblich unterscheiden und sich das Risiko nicht allein anhand der Dauer des tumorfreien Intervalls abschätzen lässt.3,6 Bei Tumorentitäten mit niedrigem Rezidivrisiko könnten lange Wartezeiten dazu führen, dass Betroffene unnötig von einer potenziell lebensrettenden Transplantation ausgeschlossen werden. Umgekehrt können selbst lange tumorfreie Intervalle bei bestimmten Hochrisikotumoren keine vollständige Sicherheit bieten.3,6
Daher empfehlen aktuelle Konsensuspapiere eine differenzierte, tumorspezifische Beurteilung unter Einbeziehung onkologischer Expertise.3
Auswirkungen auf die Ergebnisse nach Transplantation
Onkologische Vorerkrankungen auf der Spenderseite
Die Bedeutung von Krebserkrankungen beschränkt sich nicht auf potenzielle Organempfänger*innen. Auch bei der Beurteilung möglicher Organspender*innen spielen onkologische Vorerkrankungen eine Rolle. Entgegen einer verbreiteten Annahme schließen Tumorerkrankungen eine Organspende jedoch nicht grundsätzlich aus.1
Während aktive maligne Erkrankungen in der Regel gegen eine Organspende sprechen, kann eine Organspende nach erfolgreich behandelter und länger zurückliegender Krebserkrankung unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein. Entscheidend ist dabei das Risiko einer Tumorübertragung auf die Empfängerin oder den Empfänger.1
Gerade vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels gewinnt die differenzierte Bewertung solcher Risiken zunehmend an Bedeutung.
Interdisziplinäre Entscheidungen als Schlüssel
Referenzen
- Deutsches Krebsforschungszentrum. Organspende trotz Krebs? Krebs als Vorerkrankung kein prinzipielles Ausschlusskriterium. Unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/organspende-trotz-krebs. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.
- Chadban SJ et al. KDIGO Clinical Practice Guideline on the Evaluation and Management of Candidates for Kidney Transplantation. Transplantation. 2020;104(4S1 Suppl 1):S11-S103.
- Al-Adra DP et al. Pretransplant solid organ malignancy and organ transplant candidacy: A consensus expert opinion statement. Am J Transplant. 2021;21(2):460-474.
- Penn I. Evaluation of transplant candidates with pre-existing malignancies. Ann Transplant. 1997;2(4):14-7.
- Engels EA et al. Spectrum of cancer risk among US solid organ transplant recipients. JAMA. 2011;306(17):1891-901.
- Wong G, Lim WH. Prior cancer history and suitability for kidney transplantation. Clin Kidney J. 2023;16(11):1908-1916.
- Penn I. Post-transplant malignancy: the role of immunosuppression. Drug Saf. 2000;23(2):101-13.
- Tao J et al. Cancer Risk in Solid Organ Transplant Recipients With a Pretransplant Cancer History. JAMA Oncol. 2026;12(5):470-477.
- Acuna SA, Fernandes KA, Daly C, Hicks LK, Sutradhar R, Kim SJ, Baxter NN. Cancer Mortality Among Recipients of Solid-Organ Transplantation in Ontario, Canada. JAMA Oncol. 2016;2(4):463-9.
Bildquelle: iStock.com/gorodenkoff
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