Zwei Ärztinnen analysieren an einem digitalen Bildschirm einen 3D-Körperscan sowie DNA- und Herzfrequenzdaten.

Komorbiditäten und Transplantation: Onkologische Vorerkrankungen

6 Minuten

Krebs in der Vorgeschichte bedeutet in der Transplantationsmedizin längst kein klares Ja oder Nein mehr. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie hoch das individuelle Rezidivrisiko ist – und wann eine Transplantation trotzdem sinnvoll bleibt.

Organtransplantationen erfordern eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken. Neben der Grunderkrankung, die zur Transplantation führt, spielen dabei auch Begleiterkrankungen eine wichtige Rolle. In unserer Reihe „Komorbiditäten und Transplantation“ widmen wir uns Faktoren, die Einfluss auf die Transplantationsevaluation, die Wartelistenaufnahme und die langfristigen Ergebnisse nach Organtransplantation haben. Nach dem Auftakt zu Suchtkrankheiten steht nun die Bedeutung onkologischer Vorerkrankungen im Fokus.

Onkologische Vorerkrankungen in der Transplantationsmedizin

Die Beziehung zwischen Onkologie und Transplantationsmedizin ist vielschichtig. Einerseits kann eine Organtransplantation in seltenen Fällen Teil eines onkologischen Therapiekonzepts sein. So gilt beispielsweise die Lebertransplantation bei Patient*innen mit einem kleinen hepatozellulären Karzinom unter bestimmten Voraussetzungen als Therapieoption. Bei anderen soliden Tumoren wird die Organtransplantation als Krebstherapie bislang nur in Einzelfällen eingesetzt.1

 

Andererseits stellen zurückliegende Krebserkrankungen eine relevante Komorbidität dar, bei der das Risiko eines Tumorrezidivs unter der nach Transplantation erforderlichen Immunsuppression berücksichtigt werden muss.2,3

 

Tatsächlich spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle bei der Kontrolle verbliebener Tumorzellen. Eine langfristige Immunsuppression kann diese Tumorüberwachung beeinträchtigen und dadurch das Risiko für Rezidive erhöhen.4

Von pauschalen Ausschlusskriterien zur individuellen Risikobewertung

Die Einschätzung onkologischer Vorerkrankungen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während früher häufig feste Wartezeiten zwischen Tumortherapie und Transplantation empfohlen wurden, setzt sich zunehmend ein individualisierter Ansatz durch.3,5,6

 

Heute werden bei der Evaluation verschiedene Faktoren berücksichtigt. Dazu zählen die Tumorentität, das ursprüngliche Tumorstadium, die Zeit seit Erreichen der Remission, das zu erwartende Rezidivrisiko sowie die verfügbaren Behandlungsoptionen im Falle eines Rückfalls.3 So werden heute beispielsweise lokal begrenzte Prostatakarzinome und kleine Nierenzellkarzinome für eine Nierentransplantation anders bewertet als Tumorentitäten mit höherem Rezidivpotenzial.2,3

 

Diese Entwicklung ist auch auf Fortschritte in der Onkologie zurückzuführen. Verbesserte diagnostische Verfahren, molekulare Risikostratifizierungen und wirksamere Therapiekonzepte ermöglichen eine präzisere Einschätzung der individuellen Prognose als noch vor wenigen Jahrzehnten.6

Einfluss auf die Wartelistenaufnahme

Onkologische Vorerkrankungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme auf die Warteliste. Ziel ist es, das Risiko eines Tumorrezidivs nach Transplantation gegen den potenziellen Nutzen des Eingriffs abzuwägen.2

 

In der Vergangenheit wurden für viele Tumorarten Wartezeiten von zwei bis fünf Jahren nach erfolgreicher Tumorbehandlung empfohlen. Hintergrund ist die Beobachtung, dass ein Großteil der Tumorrezidive innerhalb der ersten Jahre nach der Primärtherapie auftritt.2,7

 

Neuere Daten zeigen jedoch, dass sich Rezidivmuster und Langzeitprognosen zwischen einzelnen Tumorentitäten erheblich unterscheiden und sich das Risiko nicht allein anhand der Dauer des tumorfreien Intervalls abschätzen lässt.3,6 Bei Tumorentitäten mit niedrigem Rezidivrisiko könnten lange Wartezeiten dazu führen, dass Betroffene unnötig von einer potenziell lebensrettenden Transplantation ausgeschlossen werden. Umgekehrt können selbst lange tumorfreie Intervalle bei bestimmten Hochrisikotumoren keine vollständige Sicherheit bieten.3,6

 

Daher empfehlen aktuelle Konsensuspapiere eine differenzierte, tumorspezifische Beurteilung unter Einbeziehung onkologischer Expertise.3

Auswirkungen auf die Ergebnisse nach Transplantation

Wie sich eine Krebserkrankung vor der Transplantation auf das spätere Tumorrisiko auswirkt, hat eine aktuelle US-amerikanische Registerstudie an mehr als 520.000 Organtransplantierten untersucht.8 Personen mit einer früheren Krebserkrankung entwickelten danach besonders häufig einen Tumor desselben Typs. Signifikant war dieser Zusammenhang für sieben Entitäten, unter anderem Mamma-, Lungen-, Nieren- und Blasenkarzinom sowie das maligne Melanom. Für Leber, Nieren und Lunge fiel das Risiko allerdings niedriger aus als bei Krebsüberlebenden in der Allgemeinbevölkerung. Als Ursache sehen die Autor*innen weniger die Immunsuppression als vielmehr gemeinsame Risikofaktoren und die jeweilige Organvorerkrankung.8 Auch unabhängig von einer Tumoranamnese haben Organtransplantierte insgesamt ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Malignomen. Neben der Immunsuppression tragen hierzu unter anderem virale Infektionen, Umweltfaktoren und das steigende Alter der transplantierten Patient*innen bei.5 Diese Zusammenhänge spiegeln sich auch in epidemiologischen Daten wider: Organtransplantierte weisen insgesamt ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Malignomen auf. Besonders häufig werden Non-Hodgkin-Lymphome, Lungenkarzinome, hepatozelluläre Karzinome, Nierenzellkarzinome sowie virusassoziierte Krebserkrankungen beobachtet.5 Krebserkrankungen zählen bei Organtransplantierten zudem zu den führenden Todesursachen: Eine kanadische Kohortenstudie ermittelte eine im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung dreifach erhöhte krebsbedingte Sterblichkeit, die auch nach Ausschluss von Patient*innen mit Tumoranamnese erhöht blieb.8 Regelmäßige Vorsorge- und Nachsorgeuntersuchungen sind daher ein wichtiger Bestandteil der langfristigen Betreuung.

Onkologische Vorerkrankungen auf der Spenderseite

Die Bedeutung von Krebserkrankungen beschränkt sich nicht auf potenzielle Organempfänger*innen. Auch bei der Beurteilung möglicher Organspender*innen spielen onkologische Vorerkrankungen eine Rolle. Entgegen einer verbreiteten Annahme schließen Tumorerkrankungen eine Organspende jedoch nicht grundsätzlich aus.1

 

Während aktive maligne Erkrankungen in der Regel gegen eine Organspende sprechen, kann eine Organspende nach erfolgreich behandelter und länger zurückliegender Krebserkrankung unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein. Entscheidend ist dabei das Risiko einer Tumorübertragung auf die Empfängerin oder den Empfänger.1

 

Gerade vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels gewinnt die differenzierte Bewertung solcher Risiken zunehmend an Bedeutung.

Interdisziplinäre Entscheidungen als Schlüssel

Aktuelle Entwicklungen zeigen einen Wandel von pauschalen Ausschlusskriterien hin zu individualisierten Entscheidungen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Transplantationsmedizin, Onkologie und weiteren beteiligten Fachdisziplinen ist dabei entscheidend, um Risiken realistisch einzuschätzen und eine ausgewogene Entscheidung für die einzelne Patientin bzw. den einzelnen Patienten zu treffen.3,6

Referenzen

  1. Deutsches Krebsforschungszentrum. Organspende trotz Krebs? Krebs als Vorerkrankung kein prinzipielles Ausschlusskriterium. Unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/organspende-trotz-krebs. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.
  2. Chadban SJ et al. KDIGO Clinical Practice Guideline on the Evaluation and Management of Candidates for Kidney Transplantation. Transplantation. 2020;104(4S1 Suppl 1):S11-S103.
  3. Al-Adra DP et al. Pretransplant solid organ malignancy and organ transplant candidacy: A consensus expert opinion statement. Am J Transplant. 2021;21(2):460-474.
  4. Penn I. Evaluation of transplant candidates with pre-existing malignancies. Ann Transplant. 1997;2(4):14-7.
  5. Engels EA et al. Spectrum of cancer risk among US solid organ transplant recipients. JAMA. 2011;306(17):1891-901.
  6. Wong G, Lim WH. Prior cancer history and suitability for kidney transplantation. Clin Kidney J. 2023;16(11):1908-1916.
  7. Penn I. Post-transplant malignancy: the role of immunosuppression. Drug Saf. 2000;23(2):101-13.
  8. Tao J et al. Cancer Risk in Solid Organ Transplant Recipients With a Pretransplant Cancer History. JAMA Oncol. 2026;12(5):470-477.
  9. Acuna SA, Fernandes KA, Daly C, Hicks LK, Sutradhar R, Kim SJ, Baxter NN. Cancer Mortality Among Recipients of Solid-Organ Transplantation in Ontario, Canada. JAMA Oncol. 2016;2(4):463-9.

 

Bildquelle: iStock.com/gorodenkoff

6 Minuten

Inhalt teilen