Auf einem Tisch sind ein Aschenbecher mit Zigaretten, Alkohol in Glasbehältern, Pillen und Spritzen ausgebreitet

Transplantation unter Einfluss: Die Rolle von Suchterkrankungen

4 Minuten

Organtransplantationen gehören zu den komplexesten und ressourcenintensivsten Therapieverfahren der modernen Medizin. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit von Spenderorganen ist die Auswahl geeigneter Kandidat*innen mit einer sorgfältigen medizinischen und psychosozialen Evaluation verbunden.1,2 

 

In unserer Reihe „Komorbiditäten und Transplantation“ widmen wir uns Erkrankungen und Begleitfaktoren, die Einfluss auf die Transplantationsmedizin haben. Den Auftakt machen Suchtkrankheiten.

Suchtkrankheiten als Ursache und Begleiter von Organschäden

Die Bedeutung von Suchtkrankheiten in der Transplantationsmedizin ergibt sich sowohl aus ihrer potenziell kausalen Rolle bei der Entstehung eines Organversagens als auch aus ihren Auswirkungen auf die Prognose nach einer Transplantation.3,4


Alkoholabhängigkeit ist beispielsweise eine der häufigsten Ursachen einer Leberzirrhose und damit eine zentrale Indikation für die Lebertransplantation.3 Nikotinkonsum stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Entstehung chronisch obstruktiver Lungenerkrankungen (COPD) dar, die wiederum zu den häufigsten Ursachen eines terminalen Lungenversagens zählen.5,6


Auch andere Substanzen können über direkte toxische Effekte oder akute Komplikationen zu Organversagen führen. Kokain und andere Stimulanzien sind beispielsweise mit kardiovaskulären Ereignissen wie Arrhythmien, Vasokonstriktion und Myokardischämien assoziiert und können dadurch akute lebensbedrohliche Organschäden verursachen.7

Substanzkonsum als prognostischer Faktor in der Transplantationsmedizin

Neben ihrer Rolle als mögliche Ursache eines Organversagens können Suchterkrankungen auch unabhängig von der Grunderkrankung den Verlauf einer Transplantation beeinflussen.4

 

Eine erfolgreiche Organtransplantation erfordert eine langfristige und konsequente Nachsorge. Dazu gehören die regelmäßige Einnahme immunsuppressiver Medikamente, die Teilnahme an Kontrolluntersuchungen sowie die aktive Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen.8 Suchterkrankungen können mit Faktoren einhergehen, die diese Prozesse erschweren, beispielsweise durch ein erhöhtes Rückfallrisiko, psychische Begleiterkrankungen oder soziale Instabilität.4

 

Je nach Substanz ergeben sich darüber hinaus spezifische Risiken. So können Alkoholrückfälle mit einer erhöhten Mortalitätsrate nach 10 Jahren einhergehen, während bei Cannabiskonsum mögliche Wechselwirkungen mit Immunsuppressiva und eine verminderte Therapieadhärenz diskutiert werden.4 Fortgesetzter Tabakkonsum nach Transplantation geht mit erhöhter Morbidität und Mortalität einher.4 Die Evidenzlage unterscheidet sich dabei zwischen den einzelnen Substanzen zum Teil deutlich.4

Einfluss auf die Wartelistenaufnahme

Suchterkrankungen spielen auch bei der Entscheidung über die Aufnahme auf die Warteliste eine Rolle. Ein bekanntes Beispiel ist die sogenannte „6-Monats-Abstinenzregel“ bei alkoholassoziierter Lebererkrankung.9 Diese wird als Voraussetzung für eine Listung zur Lebertransplantation herangezogen. Hintergrund ist unter anderem die Annahme, dass eine längere Abstinenz sowohl die Erholung der Leberfunktion als auch die Einschätzung des Rückfallrisikos erleichtert. In den letzten Jahren wird diese starre Zeitvorgabe jedoch zunehmend diskutiert. Kritisch angemerkt wird dabei, dass die Abstinenzdauer allein nur begrenzt prädiktiv für das Rückfallrisiko ist, während gleichzeitig Patient*innen mit schwerer alkoholassoziierter Hepatitis ohne frühe Transplantation eine ungünstige Prognose haben können.10

 

Auch über Alkohol hinaus beeinflussen Suchterkrankungen die Listungsentscheidung: Aktiver Tabakkonsum gilt in vielen Zentren bei Patient*innen mit COPD als Kontraindikation für eine Lungentransplantation.11 Zudem zeigen Studien, dass Cannabiskonsument*innen im Vergleich zu Nichtkonsument*innen seltener auf die Warteliste für eine Leber- oder Nierentransplantation aufgenommen und insgesamt signifikant seltener transplantiert werden.4

Offen sprechen, differenziert entscheiden

Gerade weil Substanzkonsumstörungen zu den am stärksten stigmatisierten Erkrankungen gehören, ist ein offener und differenzierter Umgang mit dem Thema wichtig.4 Transplantationsrelevante Risiken müssen benannt und sorgfältig bewertet werden. Gleichzeitig darf die Diagnose einer Suchterkrankung nicht automatisch mit einer schlechteren Prognose oder einem Ausschluss von transplantationsmedizinischen Maßnahmen gleichgesetzt werden. Vielmehr ist es zentral, den Substanzkonsum strukturiert zu erfassen, im Verlauf zu monitoren und bei Bedarf frühzeitig unterstützende Maßnahmen einzuleiten sowie entsprechende Behandlungs- und Beratungsangebotebereitzustellen.4

Referenzen

  1. de Zwaan M et al. guideline group “Psychosocial Diagnosis and Treatment of Patients before and after OrganTransplantation”. Dtsch Arztebl Int. 2023; 120(24):413-416.
  2. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit. Wartelistenführung und Vermittlung von Organen. https://www.organspende-info.de/organspende/ablauf-einer-organspende/wartelisten-vermittlung-transplantation/. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.
  3. Parker R et al. Alcohol and substance abuse in solid-organ transplant recipients. Transplantation. 2013;96(12):1015-24.
  4. Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin e.V., Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizinund Ärztliche Psychotherapie e.V. S3-Leitlinie. Psychosoziale Diagnostik und Behandlung von Patientinnen und Patienten vor und nach Organtransplantation. AMWF-Registernummer: 051-031. Version 1.1. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/051-031. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.
  5. Michel S et al. Lung Transplantation—Indications, Follow-Up Care and Long-Term Results. Dtsch Arztebl Int. 2025;122(2):43-48.
  6. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit. Die Lungentransplantation. https://www.organspende-info.de/organspende/transplantierbare-organe/lungentransplantation/. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.
  7. Kim ST et al. Acute and Chronic Effects of Cocaine on Cardiovascular Health. Int J Mol Sci. 2019; 20(3):584.
  8. Hinze C et al. Internistische Nachsorge nach Transplantation solider Organe [Medical follow-up after solid organs transplantation]. Inn Med (Heidelb). 2025; 66(9):885-895. German.
  9. Bundesärztekammer. Beschlussempfehlung für einen Vorschlag der Ständigen Kommission Organtransplantation für eine Änderung der Richtlinie gem. § 16 Abs. 1 S. 1 Nrn. 2 und 5 TPG für die Wartelistenführung und Organvermittlung zur Lebertransplantation. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Ueber_uns/Richtlinien_Leitlinien_Empfehlungen/RiliOrgaWlOvLeberENTWURFStellungnahmefrist20251031.pdf. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.
  10. Lee BP et al. Early liver transplantation for severe alcoholic hepatitis: moving from controversy to consensus. Curr Opin Organ Transplant. 2018; 23(2):229-236.
  11. CEGLA Medizintechnik GmbH. COPD: Heilung durch Lungentransplantation? https://www.leichter-atmen.de/copd-heilung-lungentransplantation. Zuletzt abgerufen: Juni 2026.

 

Bildquelle: iStock.com/monticelllo

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