Der DTG-Kongress 2025 stand ganz im Zeichen innovativer Technologien und neuer Therapieansätze. Hier finden Sie kompakte Einblicke in ausgewählte Kongress-Highlights. In der Chiesi News Hour präsentierten führende Expert*innen ihre Studienfavoriten der vergangenen Monate – von infektiologischen Herausforderungen wie Parvovirus B19 und Epstein-Barr-Virus (EBV) nach Nieren-Tx, dem Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren bei hepatozellulärem Karzinom (HCC) und deren Einfluss auf das Lebertransplantat, der Xenotransplantation einer Leber bis hin zu translationalen Ansätzen und neuen Therapieoptionen bei humoraler Abstoßung.
Auch die immunsuppressive Therapie stand im Fokus: Personalisierte Strategien und das Prinzip der „gelernten Immunantwort“ könnten hier neue Perspektiven eröffnen. Über die Lebendspende gab es ebenfalls viel zu berichten – darunter aktuelle rechtliche Entwicklungen sowie Daten zur kurz- und langfristigen Gesundheit von Lebendspender*innen. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Integration digitaler Lösungen in den klinischen Alltag und der Adhärenz-Förderung: KI-basierte Prognose-Tools, telemedizinische Nachsorge und patient*innenberichtete Adhärenz bieten spannende Möglichkeiten, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern.
Chiesi News Hour auf dem DTG 2025
Ausgewählte und brandaktuelle Studien aus den Bereichen Nierentransplantation, Lebertransplantation und translationale Medizin – zusammengestellt und präsentiert von Expert*innen der Transplantationsmedizin
Im Rahmen der 34. Jahrestagung der Deutschen Transplantations-Gesellschaft lud Chiesi zur News Hour zu den Forschungsfeldern Nierentransplantation (NTx), Lebertransplantation (LTx) und Translational Science ein. Univ.-Prof. Dr. Kai Schmidt-Ott (Hannover), Prof. Dr. Dieter P. Hoyer (Essen) und PD Dr. Dr. Gunilla Einecke (Göttingen) stellten dort ihre persönlichen Studienhighlights aus dem vergangenen Jahr vor.
Den wissenschaftlichen Beiträgen vorangestellt, machte die News Hour auf die Awareness-Kampagne #DeutschlandEntscheidetSich aufmerksam. Sie nutzt die sozialen Medien, um das Thema „Persönliche Entscheidung für oder gegen Organspende“ einer breiten Öffentlichkeit präsenter zu machen.1 Vorgestellt wurde das Projekt von der Initiatorin und Transplantationsmedizinerin Dr. Ebru Yıldız, die im Anschluss die News Hour moderierte.
Parvovirus B19 und Epstein-Barr-Virus als Herausforderungen nach NTx
Eine Parvovirus B19-Infektion nach NTx kann mit einer Schädigung des Transplantats2 und/oder Anämie assoziiert sein.3 Epidemiologie und Pathomechanismus der Viruserkrankung sind bislang unzureichend erforscht, diagnostische Protokolle stehen nicht zur Verfügung und die Therapieoptionen sind begrenzt. In einem vorgestellten Fallbericht konnten die Symptome durch eine Reduktion der Immunsuppression, die Gabe intravenöser Immunglobuline sowie die Umstellung von Tacrolimus auf Everolimus kontrolliert werden.3
Bei einer NTx kann das Epstein-Barr-Virus durch ein EBV-positives Spenderorgan (D+) auf EBV-seronegative Empfänger*innen (R-) übertragen werden. Einer aktuellen Kohortenstudie zufolge entwickelten ca. 22 % der D+/R- Empfänger*innen im Beobachtungszeitraum von 3 Jahren ein EBV-assoziiertes Posttransplantationslymphom (PTLD). Diese Zahl ist deutlich höher als in bisherigen Schätzungen und legt die Notwendigkeit von Maßnahmen zur PTLD-Risikominimierung bei EBV D+/R- Empfänger*innen nahe.4
Immuncheckpoint-Inhibitoren bei HCC und LTx
Eine retrospektive Kohortenstudie mit 119 Patient*innen mit HCC untersuchte, in welchem zeitlichen Abstand eine neoadjuvante Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) und eine LTx erfolgen sollten. Dabei ging das Abstoßungsrisiko nach einer ICI-Auswaschzeit von 50 Tagen auf das allgemeine Niveau von 10 % zurück, ohne dass ein erhöhtes Risiko für ein Rezidiv der Krebserkrankung vorlag.5
Xenotransplantation einer Leber
Eine Fallstudie untersuchte die Machbarkeit der Xenotransplantation einer Leber von Schwein zu Mensch, wobei die Kompatibilität durch mehrere genetische Modifikationen des Schweins erhöht wurde. Im hirntoten Empfänger blieb die Hämodynamik über einen Beobachtungszeitraum von 10 Tagen stabil, bei effektiver Hämostase sowie anhaltender Funktionsfähigkeit des Xenotransplantats.6
Humorale Abstoßung nach NTx: Translationale Ansätze und Felzartamab als vielversprechende Therapieoption
Die ABMR (Antikörper-vermittelte Abstoßungsreaktion) ist ein heterogenes Krankheitsbild mit schlechter Prognose, bei dem unterschiedliche Mechanismen der humoralen Immunantwort eine Schädigung der Mikrozirkulation hervorrufen.7-9 Für die Diagnose einer aktiven ABMR müssen gemäß Banff-Klassifikation folgende drei Kriterien erfüllt sein:10
- Aktive Gewebeschädigung: Mikrovaskuläre Inflammation (MVI ≥ 1; alternativ akute Tubulusnekrose)
- Antikörper-Interaktion mit dem Endothel: C4d+ (alternativ mind. moderate MVI ≥ 2)
- Zirkulierende donorspezifische Antikörper: HLA-Donorspezifische Antikörper (HLA-DSA) (alternativ C4d+)
Der Umgang mit inkompletten ABMR-Phänotypen und die Rolle von natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) z. B. im Rahmen der Risikostratifizierung rückt hier vermehrt in den Fokus.
Diagnose und Prognose bei inkompletten Phänotypen der ABMR
Bei der wahrscheinlichen ABMR handelt es sich um einen inkompletten Phänotyp, der durch milde mikrovaskuläre Inflammation (MVI < 2) und HLA-DSA+, jedoch fehlende Cd4-Positivität gekennzeichnet ist.10 Patient*innen mit diesem Krankheitsbild zeigten im Vergleich zu Patient*innen mit bzw. ohne aktive ABMR ein erhöhtes Risiko für die Progression zum Vollbild der ABMR nach 12 Monaten sowie ein intermediäres Risiko für die Entwicklung einer Glomerulopathie und eines Transplantatversagens nach 5 Jahren.11 Ein weiterer inkompletter Phänotyp ist durch eine erhebliche MVI ≥ 2 bei fehlendem Nachweis von HLA-DSA charakterisiert.10 Der Nachweis einer Komplementaktivierung durch positive Cd4-Färbung war bei diesen Patient*innen mit einer schlechteren Prognose in Bezug auf die Transplantatfunktion verbunden. Bei Cd4-negativen Patient*innen erlaubten ergänzende serologische und histologische Untersuchungen in 50 % der Fälle eine Reklassifizierung des Krankheitsbildes als ABMR.12
Die Rolle der NK-Zellen bei ABMR
NK-Zellen exprimieren Rezeptoren, die an körpereigene HLA binden und die Aktivität der NK-Zelle inhibieren (iKIR). Gleichzeitig wird die Reaktion auf Zellen, die körperfremde HLA tragen, verstärkt.13 Genetische und phänotypische Analysen zeigen, dass ein Mismatch (MM) zwischen Donor-HLA und iKIR häufiger mit MVI ≥ 2 assoziiert ist und dass die Zahl der iKIR-MM NK-Zellen bei MVI erhöht ist, wobei diese Faktoren nicht prädiktiv für eine MVI waren. Die Anzahl der iKIR-NK-Zellen vor der Transplantation scheint jedoch den Grad der MVI zu beeinflussen.14 Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Polymorphismen, die zu einer erhöhten Aktivität von NK-Zellen führen, mit einem höheren Risiko für MVI und Transplantatverlust assoziiert sind.15
Felzartamab zur Behandlung der ABMR nach NTx
Für die ABMR gibt es derzeit keine zugelassene Therapie. Die Wirksamkeit von Felzartamab, einem monoklonalen IgG1-Antikörper gegen CD38, wurde 2024 in einer Phase-2-Studie gezeigt.16 Eine molekulare Analyse der NTx Biopsien erlaubt nun weitere Rückschlüsse auf dessen molekulare Effekte. Unter Felzartamb war die molekulare ABMR-Aktivität reduziert – insbesondere durch die Suppression von Interferon-γ-induzierten oder von NK-Zellen exprimierten Genen.17
Individualisierte Immunsuppression und neue Ansätze bei ABMR
Die personalisierte Immunsuppression, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Patient*innen, rückt zunehmend in den Mittelpunkt der Transplantationsmedizin. Im Rahmen der Tagung wurden innovative Konzepte vorgestellt, die den Weg zu einer individualisierten Therapie ebnen. Die ABMR ist nach wie vor eine therapeutische Herausforderung. Neue Präventions- und Therapieansätze könnten hier Anlass zur Hoffnung geben.
Gelernte Immunantwort in der Transplantation – mögliche Perspektive für eine personalisierte Immunsuppression (IS)
Die periphere Immunantwort ist „erlernbar“. Das zentrale Nervensystem und das periphere Immunsystem kommunizieren bidirektional über humorale und neuronale Signalwege. In einem Plenarvortrag wurde gezeigt, dass man auf Basis dieses Netzwerks immunsuppressive Effekte durch klassische Konditionierung wie die pawlowsche Konditionierung modulieren kann, wenn Immunsuppressiva in die Lernprotokolle integriert werden.
In tierexperimentellen Studien konnte so z. B. bei herztransplantierten Ratten eine klinisch relevante gelernte und aufrechterhaltene Immunsuppression beobachtet werden, die mit einer signifikanten Verzögerung der Transplantatabstoßung verbunden war. Darauf basierend entwickelte man Lernmodelle, die auch beim Menschen immunologische Reaktionen verändern können. So konnte bei gesunden Proband*innen eine konditionierte und über längere Zeit aufrechterhaltene immunsuppressive Antwort dokumentiert werden.18
Das klinische Potenzial ist groß – insbesondere für die Transplantations-Medizin: Konditionierungsprotokolle könnten künftig helfen, bei Tx-Patient*innen die IS-Dosis zu reduzieren, Nebenwirkungen zu minimieren und gleichzeitig die Wirksamkeit steigern. Eine Studie bei NTx-Patient*innen zeigte, dass ein zeitgleich zur IS implementiertes Lernprotokoll die IS signifikant verstärkte und zu einer deutlich reduzierten T-Zell Proliferation und Zytokinproduktion führte.18,19
Personalisierte IS nach Lebertransplantation
Individuelle Reduktion der IS
ALADIN (Adult Liver Allograft Dysfunction Initiative) möchte eine individualisierte IS anhand von Protokoll-Leberbiopsien und nicht-invasiven Markern ermöglichen. Erste Ergebnisse zeigten nach Reduktion der IS eine verbesserte Nierenfunktion ohne erhöhte Abstoßungsrate. Weitere Auswertungen untersuchen derzeit,20,21
- wie die personalisierte IS durch künstliche Intelligenz verbessert werden kann (u. a. bei der Klassifizierung histopathologischer Befunde)
- und ob Patient*innen anhand ALT (Alanin-Aminotransferase), DSA (Digitale Subtraktionsangiographie) und Fibroseparametern identifiziert werden können, bei denen eine Reduktion der IS erfolgen kann.
Heterogene postoperative IS in DACH
Eine aktuelle Umfrage an 20 deutschen, österreichischen und Schweizer Tx-Zentren zeigt: Die postoperative IS nach Leber-Tx wird in den DACH-Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt.22 Meist kamen zwar die gleichen Substanzen zum Einsatz. Initiierung, Dosierung und Therapiedauer variierten jedoch stark in Abhängigkeit vom Zentrum und vom Patient*innenprofil.22
Diese Heterogenität unterstreicht die Notwendigkeit eines regelmäßigen Erfahrungsaustauschs zwischen den Zentren sowie einer Neubewertung der Empfehlungen zur IS.
Tacrolimus (TAC)-Formulierung und Glukosestoffwechsel: Keine klinisch relevanten Unterschiede
Experimentelle Daten hatten einen Zusammenhang zwischen der β-Zell-Toxizität von TAC und hohen Plasma-Spitzenkonzentrationen vermuten lassen. Lifecycle Pharma-TAC (LCP-TAC) bietet nach Nieren-Tx eine verbesserte Bioverfügbarkeit und Pharmakokinetik gegenüber TAC mit sofortiger Wirkstofffreisetzung (IR-TAC, 2x täglich) und zeigt eine reduzierte neuronale und renale Toxizität.23-25 Vor diesem Hintergrund untersuchte eine prospektive, randomisierte, intraindividuelle Crossover-Umstellungsstudie, wie die TAC-Formulierung den Glukosemetabolismus beeinflusst.26 Dabei zeigte sich
- kein klinisch relevanter Zusammenhang zwischen TAC-Spitzenkonzentration und Insulinsekretion
- kein klinisch bedeutsamer Unterschied im Glukosestoffwechsel zwischen LCP-TAC und IR-TAC
Die Wahl der TAC-Formulierung sollte nicht von Überlegungen geleitet sein, den Glukosestoffwechsel zu verbessern oder Post-Tx-Diabetes vorzubeugen, so das Fazit der Autor*innen.
Neue Ansätze bei ABMR
Die ABMR ist ein häufiger Grund für Transplantatverlust nach Nieren-Tx. Neben immunologischen Ursachen spielt auch die Non-Adhärenz eine große Rolle. Eine Förderung der Adhärenz bedeutet damit gleichzeitig eine Prävention der ABMR. Die Testung von DSA-positiven Patient*innen auf zellfreie Spender*innen-DNA kann dazu beitragen, Biopsien zu vermeiden und die Zeit bis zur Diagnose einer ABMR zu verkürzen.27
Derzeit gibt es keine zugelassene Therapie bei ABMR und mikrovaskulärer Inflammation. Eine vielversprechende Option könnten gegen CD38-gerichtete Antikörper wie Daratumumab und Felzartamab sein. Allerdings sind noch viele Fragen offen.16,17,27,28
Erste Antworten liefern vorläufige Daten aus dem multizentrischen Daratumumab-Register, die bei MVI auf eine Stabilisierung der Nierenfunktion und einen signifikanten Rückgang der MVI in der Histologie hinwiesen.28 Unter Felzartamab konnte eine histologische und molekulare Auflösung der ABMR nachgewiesen werden.16,17
Was gibt es Neues rund um das Thema Lebendspende?
Auch über das Thema Lebendspende wurde viel diskutiert. Neben aktuellen rechtlichen Entwicklungen wurden insbesondere Aspekte der kurz- und langfristigen Gesundheit von Lebendspender*innen adressiert.
Gesetzesentwurf des Kabinetts – alternative Spendemodelle könnten möglich werden
Nach Unterbrechung des Verfahrens durch das Ende der Ampelkoalition beschäftigt sich das Kabinett erneut mit einem Gesetzesentwurf zur Reform der Lebendorganspende.29,30 Er beinhaltet u. a. die Aufhebung des Subsidiaritätsgrundsatzes und schafft die Möglichkeit der Cross-over-Lebendnierenspende zwischen zwei immun-inkompatiblen Paaren.29,30 Längere Tauschketten oder -zyklen sind dabei nicht vorgesehen.30 Darüber hinaus soll die anonyme, ungerichtete Organspende in Deutschland zulässig werden. Die Reform wurde am 22. Oktober 2025 durch das Bundeskabinett beschlossen31 und soll nach Erörterung im Bundesrat und Bundestag in der ersten Jahreshälfte 2026 in Kraft treten.29
Outcome nach Cross-over-Lebendspende und Zufriedenheit nach altruistischer Spende
Eine Studie aus den USA verglich den Transplantationserfolg bei Cross-over-Lebendspenden und anderen Formen der Lebendspende nach 5 und nach 7 Jahren. Empfänger*innen von Cross-over-Lebendspenden wiesen zwar häufig Risikofaktoren für schlechte Transplantationsergebnisse auf, z. B. Hyperimmunisierung. Das Risiko für Transplantatversagen war jedoch vergleichbar mit der normalen Lebendspende (5 Jahre: 6,4% vs. 7,2%; 7 Jahre: 8,7 % vs. 10,5 %).32
Eine Untersuchung aus den Niederlanden, wo die altruistische Spende seit dem Jahr 2000 erlaubt ist, beschäftigt sich u. a. mit den Beweggründen altruistischer Spender*innen und mit deren Zufriedenheit nach der Spende. Gründe für eine nicht-gerichtete Spende sind u. a. der Wunsch, jemandem zu helfen, religiöse Motive oder eine Verbesserung des Selbstwertgefühls. Eigenen Angaben zufolge würden 98 % der Spender*innen sich wieder für eine altruistische Spende entscheiden.33
Donor*innengesundheit im Fokus – wie geht es Lebendspender*innen vor und nach der Operation?
Auf dem der DTG-Jahrestagung wurden Auswertungen des prospektiv ausgerichteten Deutschen Lebendspende Registers (SOLKID) mit 1.576 geführten Spender*innen und einem Beobachtungszeitraum von über 5,5 Jahren vorgestellt.34,35
Vorerkrankungen und Medikation zum Zeitpunkt der Spende
Lebendspender*innen waren in Deutschland überwiegend weiblich und durchschnittlich 55 Jahre alt. Die Daten zeigen, dass sie keine vollkommen gesunde Personengruppe sind. So hatten 55,9 % mind. eine Vorerkrankung oder regelmäßige Medikation.34,35 Bei ca. 28 % der Spender*innen lag ein Hypertonus vor, 8,7 % nahmen mehr als zwei Antihypertensiva ein.35 5,9 % der Spender*innen gaben eine psychische Erkrankung an.34
Entwicklung von Nierenfunktion, psychischer Gesundheit und Fatigue nach der Spende
Ein Jahr nach der Transplantation war bei den Spender*innen ein anhaltender Abfall der Nierenfunktion (eGFR) um etwa 35 % zu verzeichnen. Bei Lebensqualität, Fatigue und psychischer Gesundheit zeigte sich nach der Transplantation eine leichte Verschlechterung bei überdurchschnittlichen Ausgangs- und Endwerten in Bezug auf den Bevölkerungsdurchschnitt.34
Einfluss der Operationstechnik auf die Lebensqualität
Die Art der Operationstechnik (offen vs. minimalinvasiv) hatte keinen signifikanten Einfluss auf die Lebensqualität nach 3 Monaten. Von Spender*innen wahrgenommene Komplikationen (z. B. Schmerzen) führten zu einer Reduktion der körperlichen und psychischen Lebensqualität, wohingegen die von den Zentren berichteten Komplikationen (z. B. Blutungen) darauf keinen Einfluss hatten. Rauchen war der einzige statistisch relevante Risikofaktor für das Auftreten von Komplikationen.34,36
Weitere Insights zur Lebendspende vom DTG-Kongress
Vorhersage der Nierenfunktion mittels KI
Eine retrospektive Studie mit 178 Teilnehmer*innen untersuchte das Potenzial von Deep-learning-basierter MRT-Volumetrie als prognostisches Tool zur Vorhersage der Nierenfunktion von Lebendnierenspender*innen nach der Operation. Dabei zeigte sich die KI-basierte Vorgehensweise der Nierenszintigraphie überlegen.37
Lebendspende unter eineiigen Zwillingen – Transplantationserfolg ohne Immunsuppression
Akifova et al. berichteten über den langfristigen Erfolg von HLA-identischen Lebendnierenspenden bei monozygoten Zwillingen in drei Fällen. Die Empfänger*innen wurden über einen Zeitraum von 4-22 Jahren beobachtet. Selbst bei bestehender Sensitivierung durch zwei vorangegangene Nierentransplantationen war keine immunsuppressive Induktions- oder Erhaltungstherapie erforderlich.38
Fatigue nach Nierenlebendspende
Die Entwicklung einer Fatigue nach einer Lebendspende ist ein bekanntes Problem. Derzeit ist jedoch unklar, welche Faktoren das Auftreten einer Fatiguesymptomatik nach Nierenspende beeinflussen. Es gibt Hinweise auf alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede. Die Nierenfunktion scheint wenig Einfluss auf die Entwicklung einer Fatigue zu haben.39
Digitalisierung in der Transplantationsmedizin
Digitalisierung hat das Potenzial die medizinische Forschung und Versorgung in der klinischen Praxis maßgeblich zu verbessern. Neben KI-basierten Prognose-Tools und digitalen Ansätzen im Patient*innen-Management wurden auf dem Kongress auch Anwendungen im Bereich der transplantationsmedizinischen Versorgungsforschung beleuchtet.
Neue Tools zur Vorhersage des Outcomes bei Lebertransplantation
Wie maschinelles Lernen dazu beitragen könnte, die Risikostratifizierung und Patient*innenselektion vor LTx zu verbessern, war Thema verschiedener Untersuchungen:
- Konstantis et al. stellten einen Machine-Learning-Algorithmus vor, der auf Basis von empfänger*innenbezogenen Prä-LTx-Daten die Überlebenswahrscheinlichkeit von LTx-Patient*innen über einen Zeitraum von einem Jahr mit einer guten Diskriminierung (Präzision 0,88) vorhersagte. Dabei war der Hämoglobinspiegel der wichtigste protektive Faktor, hohe CRP-Werte waren mit einer signifikant geringeren Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden.40
- Ein weiteres Tool integriert maschinelles Lernen und patient*innenindividuelle Daten, um mögliche Outcomes von Patient*innen mit hepatozellulärem Karzinom bei unterschiedlichen Behandlungsstrategien zu visualisieren. Ziel ist es, die Arbeit von Tumor- bzw. Transplantationskonferenzen bei ihren Entscheidungen über die Durchführung einer LTx zu unterstützen.41
Digitalisierungsansätze für ein verbessertes Patient*innen-Management bei Nierentransplantation
Telemedizinische Nachsorge reduziert stationären Aufenthalt
Patient*innen, die im Rahmen des telemedizinischen MACCS (Medical Assistant for Chronic Care Service)-Projekts kurz nach einer NTx eine telemedizinische Versorgung erhielten, hatten tendenziell eine kürzere Hospitalisierungsdauer (5,76 vs. 7,60 Tage; p=0,29) und wurden weniger rehospitalisiert (74,1 vs. 84,5 %; p=0,17) als Patient*innen ohne dieses Nachsorgeelement. Für die Studie wurden Daten von 640 Patient*innen über 400 Tage retrospektiv untersucht.42 Eine weitere Auswertung zeigt positive Effekte auch auf die Adhärenz.
Bei smartNTx handelt es sich um eine telemedizinische, daten- und KI-gestützte Plattform zur Nachbetreuung von NTx-Patient*innen, die derzeit in Erlangen, Berlin und Essen in einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) untersucht wird.43
KI-assistiertes, digitales Wartelisten(WL)-Management
Bayernweit wird derzeit eine App entwickelt, die die Führung der NTx-WL einfacher und transparenter machen soll. Über ein Zusatzmodul in der MIZU-App, das mit einem Webportal für Tx-Zentren verbunden ist, sollen relevante Befunde herausgefiltert, Untersuchungsergebnisse direkt von Patient*innen hochgeladen und letztere unmittelbar über ihren WL-Status und ggf. fehlende Untersuchungen informiert werden. Sicherer Datentransfer und eine zukünftig deutschlandweite Nutzbarkeit sind zentrale Entwicklungskriterien.43
Datenmanagement für Klinik und Forschung
Ansätze zur Nutzung von FHIR-Datenbanken im klinischen Alltag
Fast Healthcare Interoperability Resources(FHIR)-Datenbanken dienen als Schnittstelle zwischen Rohdaten aus unterschiedlichen klinischen Datensystemen und einzelnen Anwendungen, die diese Daten nutzen, z.B. Apps. Sie strukturieren und harmonisieren die Daten und können für eine Vielzahl von klinischen Anwendungen genutzt werden.44 Vorgestellt wurden u. a. ein umfangreiches Patienten-Dashboard, ein Body and Organ Analyzer zur Sarkopenie-Bewertung sowie eine KI-basierte Anwendung zur präoperativen Lebervolumetrie, mit der die Gewebemenge, die bei einer Leberlebendspende entnommen und transplantiert werden kann, auf Basis von Spender*innendaten und üblicher Schnittführung berechnet wird.44,45
Evidenzbasierte Versorgungsforschung im Rahmen des deutschen Transplantations-Registers
Als Ergänzung zu RCTs sind klinische Register wie das deutsche Tx-Register ein wichtiger Baustein für die Evidenzgenerierung in der Versorgungsforschung. Der Zugang zum Tx-Register ist relativ niederschwellig möglich. Seit Projektbeginn 2021 wurden 44 Datenpakete durch das Register bereitgestellt. Zehn Publikationen wurden unter Verwendung dieser Daten veröffentlicht, was deren Nutzbarkeit zur Beantwortung Tx-medizinischer Fragen belegt.46 Die Weiterentwicklung des Registers unter Einbeziehung von Stakeholder*innen zur Optimierung der Datennutzung und -qualität wird aktuell vorangetrieben.46,47
Patient*innenberichtete Adhärenz in der Routineversorgung
Die patient*innenberichtete Adhärenz ist bisher in der Routineversorgung in der Transplantationsmedizin kaum etabliert, könnte diese aber in Zukunft sinnvoll ergänzen.
Selbstberichtete Adhärenz als zuverlässiger Parameter
Circa 38 % der Patient*innen nach Nierentransplantation geben in Befragungen an, nicht vollständig adhärent zu sein.48 Der evidenzbasierte Selbstauskunftsbogen BAASIS (Basel Assessment of Adherence to immunoSuppressive medIcations Scale) hat sich im stationären Alltag als praktikables und zuverlässiges Instrument zur Erfassung der selbstberichteten Adhärenz bewährt.48 Auch die im Rahmen der PCOR-MII (Patient-Centered Outcomes Research in der Medizininformatik-Initiative) erhobene patient*innenberichtete Adhärenz erbrachte valide Ergebnisse.49 Die Bestimmung des Plasmaspiegels hingegen kann lediglich das Adhärenzverhalten der letzten Tage abbilden und stimmte in nur 15 % mit der patient*innenberichteten Adhärenz überein, weswegen eine Kombination der beiden Verfahren in Betracht gezogen werden sollte.48
Prädiktoren für Adhärenzverhalten
Die Transplantationspsychosomatik widmet sich unter anderem der Einschätzung des Adhärenzverhaltens von Transplantations-Patient*innen.50 Studien zeigen, dass Depressivität, Angst, negative Einstellungen und Erwartungen, männliches Geschlecht, jüngeres Alter, Lebendspende und eine längere Zeitspanne seit der Transplantation Risikofaktoren für Non-Adhärenz sind.51
Telemonitoring könnte dazu beitragen, die Adhärenz zu erhöhen: Im Rahmen des telemedizinischen Projekts MACCS war ein hohes User-Engagement tendenziell mit einem besseren Adhärenzverhalten assoziiert (p=0,099). Interessant dabei war auch, dass insbesondere ältere Patient*innen ein hohes User-Engagement zeigten.52
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- De Zwaan M. Psychosomatik und PCORMII (PCORMII: Patient-Centered Outcomes Research in der Medizininformatik-Initiative). DTG 2025; 09.10. – 11.10.2025, Essen; Vortrag WS02-03.
- Robitzsch A. Integriertes Essener transplantationspsychosomatisches Konzept (IntEgriert): Umfassen-de, bedarfsgerechte Versorgung vor, während und nach Organtransplantation. DTG 2025; 09.10. – 11.10.2025; Essen; Vortrag WS06-02.
- S3-Leitlinie Psychosoziale Diagnostik und Behandlung von Patientinnen und Patienten vor und nach Organtransplantation. https://register.awmf.org/assets/guidelines/051-031l_S3_Psychosoziale-Diagnostik-Behandlung-PatienInnen-vor-und-nach-Organtransplantation_2022-08_1.pdf (abgerufen am 16.10.2025).
- Pohl NA et al. User Engagement and Non-Adherence in Kidney Transplant Aftercare: Exploratory FindingsFrom MACCS, a Telemedical Care Concept. DTG 2025; 09.10. – 11.10.2025, Essen; Vortrag und Abstract WS19-05.
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