Was ist die Wartelisten-Mortalität?
Es befinden sich nach wie vor mehr Erkrankte auf der Warteliste für eine Transplantation, als Organe transplantiert werden bzw. zur Verfügung stehen.1 Dies verdeutlichen aktuelle Zahlen aus Deutschland z. B. zur Niere, dem am häufigsten transplantierten Organ.2,3 Im Jahr 2024 warteten etwa 6.400 Menschen auf eine neue Niere – dem gegenüber standen nur etwa 1.440 postmortal gespendete Nieren sowie etwa 630 Lebendspenden.4
Um den Bedarf sowie die verfügbaren Transplantate zu koordinieren, melden Transplantationszentren die Patient*innen für die Warteliste an Eurotransplant, jeweils mit Dringlichkeitsstufe in Abhängigkeit des Gesundheitszustands.1 Aufgrund des hohen Bedarfs ist die Wartezeit oftmals sehr lang: z. B. beträgt die Wartezeit bis zur Nierentransplantation im Schnitt mehr als 8 Jahre.2 Während dieser Zeit kann es unter Umständen zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands und einer Zunahme der Gebrechlichkeit der Transplantationskandidat*innen, sowie in einigen Fällen zum Tod kommen.2 In Deutschland sind beispielsweise im Jahr 2024 679 Patient*innen gestorben, während sie auf ein Organ warteten.3
Wartelisten-Mortalität: Gebrechlichkeit als Risikofaktor
Was bedeutet Gebrechlichkeit?5
Gebrechlichkeit beschreibt eine erhöhte Verletzlichkeit gegenüber Stressfaktoren sowie den Funktionsverlust verschiedener physiologischer Systeme. Der Körper kann sich nicht ausreichend gegen innere oder äußere Einflüsse wehren – mögliche Folgen sind Infektionen, Stürze, Behinderungen, Mobilitätsschwierigkeiten, Krankenhausaufenthalte und Tod. Bei Transplantationen, sowie weiteren schweren Erkrankungen, dient die Gebrechlichkeit zur Bewertung der systemischen Funktionen von Patient*innen. Neben der körperlichen Beurteilung werden auch psychische und soziale Funktionen mit einbezogen.
Gebrechlichkeit, eine erhöhte Anfälligkeit für Stressfaktoren, ist ein wichtiger Risikofaktor für Todesfälle von Personen auf der Transplantationsliste, wie eine prospektive Studie zeigte.6 Haugen et al. (2020) untersuchte 882 gebrechliche und nicht gebrechliche Kandidat*innen für Lebertransplantationen.6 Das Ergebnis: Gebrechliche Studienteilnehmer*innen hatten unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht oder Body Mass Index (BMI) ein doppelt so hohes Risiko während ihrer Wartezeit zu versterben.6 Zudem nahm dieses Risiko über die Zeit zu (siehe Tabelle 1).6 Gebrechliche Personen waren vor allem Studienteilnehmer*innen höheren Alters (> 65 Jahre).6
| Zeit nach Aufnahme auf die Transplantationswarteliste | Kumulative Inzidenz der Wartelisten-Mortalität Gebrechliche Transplantationskandidat*innen |
Kumulative Inzidenz der Wartelisten-Mortalität Nicht gebrechliche Transplantationskandidat*innen |
|---|---|---|
| 6 Monate | 14,8 % (n = 31) | 6,5 % (n = 44) |
| 1 Jahr | 25,2 % (n = 53) | 11,4 % (n = 77) |
| 3 Jahre | 46,7 % (n = 98) | 23,1 % (n = 157) |
| Pro-Argumente | Contra-Argumente |
|---|---|
Würde Gebrechlichkeit berücksichtigt, ermöglichte dies:
|
Würde Gebrechlichkeit berücksichtigt, könnten diese Herausforderungen auftreten:
|
Wie kann die Gebrechlichkeit gesenkt werden?
Um die Gebrechlichkeit von Transplantationskandidat*innen und damit ebenfalls die Wartelisten-Mortalität zu senken, können zusätzlich zur Behandlung der Grunderkrankung verschiedene Interventionen ergriffen werden.5 Studien deuteten auf einen positiven Effekt von u. a. folgenden Maßnahmen, als alleinige Intervention wie auch in Kombination, hin:5
- Bewegung und körperliche Aktivität
- Verbesserte Ernährung und Versorgung des Körpers mit ausreichend Nährstoffen
- Psychologische Interventionen zur Stressreduktion (z. B. Atemübungen, Musiktherapie)
Als weitere Eskalationsstufe:
- Medikamentöse Therapie
Um diese Interventionen effektiv einleiten zu können, ist es wichtig, gebrechliche Patient*innen frühzeitig zu identifizieren.5 Dabei können Bewertungsfragebögen, wie der Physical-Frailty-Phenotype (PFP) und Frailty-Index (FI) (als Beispiele für Nierentransplantatempfänger*innen) helfen.5
Fazit
Abkürzungen
BMI: Body Mass Index
FI: Frailty-Index
PFP: Physical-Frailty-Phenotype
Referenzen
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Wartelistenführung und Vermittlung von Organen. https://www.organspende-info.de/organspende/ablauf-einer-organspende/wartelisten-vermittlung-transplantation/ (zuletzt abgerufen: Oktober 2025).
- IQWiG. Nierentransplantationen: Bessere Ergebnisse bei größeren Fallzahlen ableitbar. https://www.iqwig.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailseite_9947.html (zuletzt abgerufen: Oktober 2025).
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Statistiken zur Organspende für Deutschland und Europa. https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/statistiken/ (zuletzt abgerufen: Oktober 2025).
- Deutsche Stiftung Organtransplantation. Jahresbericht Organspende und Transplantation in Deutschland 2024. https://dso.de/SiteCollectionDocuments/DSO-Jahresbericht%202024.pdf (zuletzt abgerufen: Oktober 2025).
- Huawei C et al. Chin Med J (Engl) 2023; 136(9): 1026–1036.
- Haugen CE et al. Ann Surg 2020; 271(6): 1132–1136.
- McAdams-DeMarco et al. Clin Kidney J 2023; 16(5): 809–816.
Bildquelle: iStock.com/zubada