Eine Hand mit blauem Handschuh entnimmt einen Blutbeutel aus einem Kühlschrank.

Risikofaktoren jenseits des Hämoglobinspiegels

5 Minuten

Sehr unreife Frühgeborene benötigen während ihrer Perinatalzeit häufig auch Erythrozyten-Transfusionen. Diese Intervention kann lebensrettend sein, erhöht aber gleichzeitig auch das Risiko für Komplikationen wie nekrotisierende Enterokolitis (NEC), bronchopulmonale Dysplasie (BPD), Frühgeborenen-Retinopathie (ROP) und im schlimmsten Fall den Tod. In großen Meta-Analysen war es für die spätere neurologische Entwicklung der behandelten Kinder ohne Belang, ob die Transfusionsgrenzen strenger oder liberaler gehandhabt wurden. Doch diese Untersuchungen haben die Charakteristika des transfundierten Blutes in ihren Auswertungen außer Acht gelassen; möglicherweise hat es aber einen Einfluss, wie alt beispielsweise die Blutspendenden waren und welchen Hämoglobinwert sie hatten. Die "Transfusion in Preterm Infants" (TIPI)-Studie hat deshalb versucht, modifizierbare Charakteristika im Zusammenhang mit Erythrozyten-Transfusionen zu identifizieren, die bei sehr unreifen Frühgeborenen die Morbidität und Mortalität beeinflussen können.

Dazu analysierte man die Daten von 2605 sehr unreifen Frühgeborenen, die zwischen April 2019 und Dezember 2023 geboren und im Vermont Oxford Network (VON) registriert wurden. 1283 dieser Kinder, also rund die Hälfte, erhielt mindestens eine Erythrozytentransfusion. Im Vergleich zu den Frühgeborenen, die ohne diese Intervention auskamen, hatten die transfundierten Kinder ein niedrigeres Gestationsalter (median 26,6 vs. 30,6 Wochen) und ein geringeres Geburtsgewicht (median 820 vs. 1270 Gramm). Von den Frühgeborenen, die eine Transfusion erhielten, überlebten 436 (34 %) ohne nennenswerte Morbiditäten, während die übrigen 847 (66 %) entweder eine höhergradige intraventrikuläre Blutung, eine NEC, eine Late-onset-Sepsis, eine BPD oder eine behandlungspflichtige ROP entwickelten; 179 Kinder verstarben während des 90-tägigen Nachuntersuchungs-Zeitraums.

 

Der Hämoglobinspiegel vor der Transfusion lag im Mittel bei 9,9 g/dL, wobei sich die 10. und 90. Perzentile zwischen 8 und 11,9 g/dL aufspannte. Insbesondere Frühgeborene, die eine der oben genannten Komplikationen erlitten, wurden dabei mit größeren und häufigeren Transfusionen versorgt. Das Blut, das die Kinder erhielten, stammte pro Kind im Mittel von 2,4 Spendenden im Durchschnittsalter von 49,7 Jahren. Das Blut war vor der Transfusion für median 14,2 Tage gelagert und mit unterschiedlichen Additivlösungen (AS-1, AS-3, AS-5) bzw. mit Zitrat-Phosphat-Dextrose-Adenin (CPDA-1) oder mit Zitrat-Phosphat-Dextrose (CPD) versetzt worden.

 

Die Analyse ergab, dass das Risiko, eine der oben genannten Komplikationen zu entwickeln, umso höher war, je höher der Hämoglobinspiegel vor der Transfusion lag. Die Odds Ratio (OR) stieg um 1,15 pro 1 g/dL Hämoglobin (95%-Konfidenzintervall [95%-CI] 1,07–1,25). Unter den Nähr- und Konservierungslösungen, die den Erythrozytenkonzentraten zugesetzt worden waren, erwiesen sich AS-1 und AS-5 als signifikant günstiger im Vergleich zu CPDA-1 oder CPD; ihr Einsatz senkte die OR auf 0,72 (95%-CI 0,53–0,97). Die Zahl der verabreichten Transfusionen und die Anzahl der Spendenden, von denen diese Erythrozytenkonzentrate stammten, hatten dagegen ebenso wenig einen Einfluss auf das langfristige Outcome der Frühgeborenen wie Alter, Geschlecht oder Hämoglobinspiegel der Spendenden.

 

Doch damit ist das Buch noch längst nicht geschlossen: Angesichts der Vielzahl an Transfusionen, die an sehr unreife Frühgeborene verabreicht werden, und der erheblichen Komplikationen, die damit verbunden sein können, sollten umfassende Untersuchungen die beeinflussbaren Risikofaktoren im Bereich von Spende, Verarbeitung und Lagerung der Blutkonserven weiter evaluieren, so das Fazit der Autor*innen.

Referenz

Hendrickson JE, Birch RJ, Rowley EAK, et al.; NHLBI Recipient Epidemiology Donor Evaluation Study–IV–Pediatric (REDS-IV-P). Red blood cell transfusion characteristics and morbidity or mortality in very-low-birth-weight infants. JAMA Netw Open 2026; 9(6): e2619301.

 

Bildquelle: Kolesnikov Sergii – Alamy Stock Photo

5 Minuten

Inhalt teilen