Organtransplantationen geben schwerkranken Patient*innen mit akutem Organversagen die Chance auf ein längeres Leben und eine höhere Lebensqualität.1 Dabei sind Organtransplantationen hochkomplexe medizinische Verfahren - nicht nur wegen des operativen Eingriffs und der darauffolgenden medikamentösen Immunsuppression.2 Es gibt zahlreiche weitere individuelle Faktoren, die in die Vorbereitung und die Patient*innenversorgung vor, während und nach der Operation einfließen und den Transplantationserfolg beeinflussen können.3
Um mit diesen vielfältigen Faktoren umzugehen, kann sich ein interdisziplinärer und holistischer Ansatz lohnen. Hier geben wir Ihnen einen Überblick, wo multidisziplinäre Ansätze bereits den Transplantationserfolg verbessert haben.
Komplizierte Grundvoraussetzungen – Ein Fallbeispiel
Die Grunderkrankungen, die eine Organtransplantation nötig machen, können hochkomplex sein und verschiedene Organe betreffen.4 Außerdem kommen durch Fortschritte in der medizinischen Versorgung zunehmend Patient*innen mit komplexeren Erkrankungen für Transplantationen infrage.4 So kann es nötig werden, dass neben dem akuten Organversagen zusätzliche Parameter wie Wundheilungsstörungen, kardiologische Komplikationen oder metabolische Dekompensationen beachtet werden müssen.4 Besonders schwierig wird es bei multimorbiden Patient*innen.
So etwa in dem Fall eines Dreijährigen Jungen mit einer Methylmalonazidurie (MMA) sowie dem seltenen Williams-Beuren-Syndrom (WBS). Aufgrund der MMA kam es zu einem Mangel des Methylmalonyl-Coenzyms A, wodurch es zu einer metabolischen Azidose sowie einem akuten Nierenversagen kam.4 Demnach sollte eine Nieren- und Lebertransplantation durchgeführt werden, wobei durch die Lebertransplantation der Methylmalonyl-Coenzym A-Mangel ausgeglichen werden sollte.4 Gleichzeitig zeigte der Patient aufgrund des WBS sowie der MMA kardiovaskuläre Anomalien, war besonders klein und fragil und hatte besondere diätetische Anforderungen.4 Dadurch ergaben sich zusammengenommen anästhetische, metabolische und operative Herausforderungen für die Transplantation.4 Nichtsdestotrotz gelang es dem Team, das Kompetenzen aus neun verschiedenen Spezialisierungen/Disziplinen vereinte, den eigentlichen Eingriff sowie eine spätere Transplantation einer Fascia transversalis für den Bauchdeckenverschluss erfolgreich durchzuführen.4 Darüber hinaus konnten mit diesem multidisziplinären Ansatz auch bei Transplantationen weiterer MMA-Patient*innen eine 5-Jahres-Überlebensrate von 85 % erreicht werden.4
Bessere Adhärenz durch multidisziplinäre Interventionen
Die Operation selbst stellt jedoch nur einen Teil des Transplantationsprozesses dar. Danach sind das Einhalten regelmäßiger Nachuntersuchungstermine und die Einnahme von Medikamenten wie Immunsuppressivawichtige Bedingungen für einen langfristigen Transplantationserfolg.5 Eine schlechte Therapietreue oder Adhärenz korreliert dabei mit einem geringeren Transplantatüberleben.6
Die Gründe für eine niedrige Adhärenz können vielfältig und patient*innenspezifisch sein.5 Allgemein gehören dazu therapiebezogene Kriterien wie komplexe Behandlungsschemata oder Nebenwirkungen, aber auch soziale und psychische Faktoren spielen eine Rolle.5 Die Transplantation selbst, sowie die perioperativen Prozesse und Umstände, etwa die finanzielle und soziale Situation, können sehr bedrückend und kräftezehrend für die Patient*innen sein und so die Entstehung oder Verstärkung psychischer Beschwerden fördern.7 Ungeeignete Bewältigungsmethoden für diese Beschwerden, z.B. Substanzmissbrauch, gefährden den Transplantationserfolg zusätzlich.8-10 In einer retrospektiven Kohortenstudie, die an Lebertransplantat-Empfänger*innen in den USA durchgeführt wurde, korrelierte ein niedrigerer PACT-Score (Psychosocial Assessment of Candidates for Transplantation) bei Frauen mit einer höheren Mortalität nach Transplantation.11 Eine weitere Studie an Lebertransplantat-Empfänger*innen zeigte eine generell höhere Abstoßungsrate und geringere Überlebensdauer bei Empfänger*innen mit einer unbehandelten Depression im Vergleich zu nicht-depressiven Proband*innen.9
Eine psychologische oder psychiatrische Betreuung kann dabei helfen, die Adhärenz und damit das Transplantatüberleben zu erhöhen. So zeigten etwa Patient*innen, die zur Zeit der Transplantation eine effektive Therapie mit Antidepressiva erhielten, eine niedrigere zelluläre Abstoßungsrate als depressive Patient*innen ohne eine solche Therapie (13 % vs. 40 %) und ein vergleichbares Überleben zu der nicht-depressiven Testgruppe.9
Diese Daten geben Hinweise darauf, dass Transplantat-Empfänger*innen davon profitieren können, wenn neben Chirurg*innen und Fachärzt*innen auch Psycholog*innen oder Psychiater*innen in die Vorbereitung der Operation und die anschließende Versorgung involviert werden.
Angesichts der Erfolge, die multidisziplinäre Ansätze bei Transplantationspatient*innen gezeigt haben, besteht eine große Chance, dass sie in Zukunft zum Standard in der Transplantationsmedizin werden könnten.
Referenzen
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- World Health Organization (2003). Adherence to long-term therapies: Evidence for action. URL: https://iris.who.int/handle/10665/42682 (abgerufen am: 18.11.2024).
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