Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und Epilepsie treten häufig gemeinsam auf und können die neuropsychologische Entwicklung und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass den ASS eine atypische funktionelle Konnektivität in den Leitungsbahnen zugrunde liegt, was auch die vermehrt auftretenden Anfallsleiden erklären könnte. Frühgeburtlichkeit ist sowohl ein Risikofaktor für das Auftreten einer ASS als auch einer Epilepsie, und insbesondere bei sehr unreifen Frühgeborenen nimmt die Häufigkeit, beide Erkrankungen zu entwickeln, mit abnehmendem Gestationsalter zu.
Um diesen Zusammenhang weiter zu untersuchen, hat eine US-amerikanische Arbeitsgruppe die EEG-Befunde von 225 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 3 und 25 Jahren analysiert, bei denen sowohl eine ASS als auch eine Epilepsie diagnostiziert worden ist. Dabei hat man die Ergebnisse in Relation zum Gestationsalter gesetzt, mit dem diese Menschen zur Welt gekommen sind.
Es wurde unterschieden zwischen Patient*innen mit generalisierter, fokaler oder nicht näher spezifizierter Epilepsie. Als generalisiert wurden Epilepsien eingestuft, die im EEG ausschließlich generalisierte Spike-Wave-Muster in sämtlichen Ableitungen aufwiesen, aber auch solche, die neben generalisierten EEG-Mustern auch eine fokale Anfallsaktivität zeigten, sowie Patient*innen mit multifokalen Herden. Als fokal wurde die Epilepsie lediglich bei Patient*innen gewertet, deren epileptiforme Erregungsmuster ausschließlich eines singulären Fokus zuzuordnen waren.
Bei 167 Patient*innen handelte es sich um Reifgeborene, während 41 mit 32–36 Gestationswochen als moderat bis spät Frühgeborene und 17 als sehr unreife Frühgeborene unter 32 Gestationswochen zur Welt gekommen waren. Auffällig war, dass 75 % der sehr unreifen Frühgeborenen fokale Anfälle entwickelten, was lediglich bei 42 % der reifen geborenen Kinder der Fall war. Interiktal waren fokale epileptiforme Ableitungsmuster bei sehr unreifen Frühgeborenen im Verhältnis 2:1 häufiger nachweisbar als generalisierte.
Bei den moderat bis spät Frühgeborenen traten dagegen weit häufiger generalisierte Epilepsien auf: Unter den im EEG erfassten Aktivitäten kamen neun generalisierte auf einen fokalen Anfall. Bei den Reifgeborenen war eine solche Häufung nicht nachweisbar, bei ihnen kamen fokale und generalisierte Epilepsien gleich oft vor. Interiktal zeigten sich keine Unterschiede in den EEG-Ableitungen der moderat bis spät Frühgeborenen und der Reifgeborenen: In beiden Gruppen fand man generalisierte Aktivitäten rund doppelt so häufig wie fokale.
Den höheren Anteil fokaler Epilepsien bei sehr unreifen Frühgeborenen mit ASS führen die Autoren am ehesten auf umschriebene strukturelle Hirnschädigungen zurück, deren Auswirkungen bei diesen Kindern bis in die Kindheit oder das junge Erwachsenenalter persistiert haben. Denn immerhin tragen sehr unreife Frühgeborene ein deutlich erhöhtes Risiko für Mikrozephalie, White Matter Disease oder Zerebralparese, die alle mit einem signifikant erhöhten Epilepsierisiko assoziiert sind. Um genauere Aussagen zu diesen Zusammenhängen machen zu können, sind allerdings größere Studien erforderlich. Insbesondere besteht eine wesentliche Limitation der vorliegenden Arbeit darin, dass sie sich auf Patient*innen beschränkt, die sowohl unter ASS als auch einer Epilepsie litten. Inwiefern sich diese Ergebnisse auf Frühgeborene mit isolierter Epilepsie übertragen lassen, bleibt offen.
Inhalt teilen