Man weiß, dass die Exposition mit Antibiotika während der Neonatalzeit bei reifen Kindern die Impfantwort auf manche Vakzine vermindern kann. Ob und inwieweit dies auch für Frühgeborene gilt, hat nun eine prospektive Beobachtungsstudie untersucht. Eingeschlossen waren 69 Frühgeborene, die in den Jahren 2020 bis 2024 mit einem Gestationsalter zwischen 24+0 und 31+6 Wochen im Universitätsklinikum Tübingen geboren wurden und die bis zum korrigierten Alter von 4 Monaten entsprechend den STIKO-Empfehlungen dreimal mit Sechsfach-Impfstoff sowie gegen Pneumokokken geimpft worden waren. 34 dieser Kinder (49,3 %) erhielten im Verlauf der ersten Lebenswoche systemische Antibiotika; eine durch Erregernachweis bewiesene Sepsis lag allerdings nur bei 2 von ihnen vor. Die übrigen 35 Frühgeborenen dienten als Kontrollgruppe. Die mediane Dauer der Antibiotika-Gabe betrug 3,5 Tage; mit 85 % wurden dabei am häufigsten Ampicillin und Tobramycin eingesetzt.
Die Frühgeborenen im Antibiotika-Arm hatten tendenziell ein etwas geringeres Gestationsalter und Geburtsgewicht, doch dieser Gruppenunterschied war statistisch nicht signifikant. Auch die übrigen epidemiologischen Eigenschaften waren in beiden Studienarmen gleich. Alle Kinder erhielten – dem Standardvorgehen der Klinik entsprechend – in den ersten sechs Lebenswochen oder bis zum Alter von 32 Gestationswochen täglich ein probiotisches Kombinationspräparat mit Bifidobacterium bifidum und Lactobacillus acidophilus.
Am Lebenstag 14 sowie im korrigierten Alter von 4 Monaten wurden Stuhl- und Blutproben genommen, um sowohl die Antikörpertiter als auch die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms zu erfassen. Dabei zeigte sich ein signifikant niedrigerer Antikörpertiter gegen Haemophilus influenzae Typ b (Hib) sowie gegen Bordetella pertussis filamentöses Hämagglutinin (B. pertussis FHA) bei den antibiotisch behandelten Kindern. Dieser Unterschied war auch nach Ausschluss der beiden Frühgeborenen mit erwiesener Sepsis noch statistisch relevant. Insgesamt lagen die Antikörper-Titer bei 6 Kindern der Antibiotika-Gruppe (18 %) unter der Grenze, ab der eine Schutzwirkung angenommen werden kann. In der Kontrollgruppe war dies nur bei einem Kind (3 %) der Fall. Betrachtete man dieses Ergebnis nach Geschlechtern getrennt, kristallisierte sich die verminderte Impfantwort vor allem bei Mädchen und in Bezug auf die B.-pertussis-FHA-Antikörper heraus, während bei Jungen nur ein nicht-signifikanter Trend nachweisbar blieb. Gleichzeitig fand man bei den antibiotisch behandelten Mädchen – umgekehrt proportional zu den Antikörpertitern – mehr Monozyten und myeloide Suppressorzellen.
Das Mikrobiom-Muster am Tag 14 unterschied sich ebenfalls deutlich in Abhängigkeit von der Antibiotika-Exposition: Im Gegensatz zur Kontrollgruppe, in der vor allem Bifidobakterien und Enterokokken das Bild bestimmten, waren bei den antibiotisch behandelten Kindern Klebsiellen vorherrschend.
Die Autoren folgern, dass die reduzierte Impfantwort nach früher Antibiotika-Gabe darauf hindeutet, dass diese Behandlung die Entwicklung des Immunsystems modifizieren kann. Die Geschlechtsunterschiede könnten dabei ein Hinweis darauf sein, dass Mädchen empfindlicher auf eine frühe antibiotische Therapie reagieren. Um die wahre klinische Bedeutung dieser Beobachtung zu evaluieren, sind jedoch größere Studien mit längerer Nachbeobachtungszeit erforderlich.
Referenz
Haag L, Dietz-Ziegler S, Schwarz J, et al. Early antibiotic exposure and vaccine immune responses in preterm infants: potential sex-specific differences. Gut Microbes 2026; 18(1): 2694122.
Bildquelle: IMAGO/photothek
Inhalt teilen