Gibt es asymptomatische BoDV-1-Infektionen?
Die ersten beschriebenen BoDV-1-Fälle in Deutschland wurden nach einer Organspende diagnostiziert.1,2 Nach der Organtransplantation entwickelten die Empfänger*innen eine schwere Enzephalitis.2 2 der 3 Empfänger*innen verstarben.2 Sie erhielten Transplantate (Leber und Nieren) von demselben Spender.2 Laboruntersuchungen wiesen im Spender- und Empfängergewebe BoDV-1 nach.2 Organspender war ein 70-jähriger Mann aus Bayern, dieser war zum Todeszeitpunkt neurologisch asymptomatisch.2 Bisher sind nur wenige Daten verfügbar, ob BoDV-1 beim Menschen zu einer asymptomatischen Infektion führen kann.3 Die BoSOT-Studie (BoDV-1 after solid-organ transplantation) untersuchte menschliche BoDV-1-Infektionen und stellt die Frage, ob es asymptomatische, BoDV-1-positive Blutspender*innen oder Transplantationspatient*innen aus Endemiegebieten gibt.3
Die BoSOT-Studie wurde in einer endemischen Region in Süddeutschland mit bestätigten BoDV-1-Infektionen durchgeführt.3 Es wurden Blutproben von 3 Gruppen eingeschlossen:3
- 216 Blutspender*innen
- 280 Patient*innen nach einer Organtransplantation
- Blut- (n = 288) und Liquorproben (n = 258) von Patient*innen (mit neurologischer Symptomatik), für die durch die behandelnden Ärztinnen/Ärzte eine Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)-Diagnostik veranlasst worden war.
Serum-/Plasmaproben wurden mit verschiedenen serologischen Tests auf IgG-Antikörper gegen BoDV-1, Liquorproben mittels spezifischer RT-qPCR auf BoDV-1-RNA untersucht.3
Die Befunde der serologischen Tests der Blutspender*innen sowie der Transplantationspatient*innen waren negativ.3 Transplantationspatient*innen hatten im Vergleich zu Blutspender*innen kein erhöhtes Risiko für einen bestätigten serologisch positiven Befund.3 In der dritten Gruppe von neurologisch symptomatischen Patient*innen, für die von den behandelten Ärztinnen/Ärzten eine FMSE-Diagnostik angefordert worden war, wurde eine neue BoDV-1-Infektion festgestellt.3 Das Plasma/Serum sowie die Liquor-Probe eines komatösen Patienten mit schweren neurologischen Symptomen wurden positiv auf BoDV-1 (aber negativ auf FSME) getestet.3
Zusammenfassend gibt es bislang keinen eindeutigen Beweis für häufige asymptomatische BoDV-1-Infektionen.3 BoDV-1-Infektionen manifestieren sich primär als schwere Enzephalitis.3 Personen mit schweren neurologischen Symptomen, die eine endemische Region besucht haben oder dort leben, sollten bei der differentialdiagnostischen Abklärung einer unklaren Enzephalitis/Enzephalopathie auf BoDV-1 untersucht werden.3
Sind immunsupprimierte Personen häufiger von BoDV-1-Infektionen betroffen?
Eine weitere Studie untersuchte die Häufigkeit von BoDV-1-Infektionen beim Menschen und ob Infizierte klinische Gemeinsamkeiten aufzeigten.4 Das Hirngewebe von 56 Enzephalitis-Patient*innen aus Bayern von 1999 bis 2019 wurde auf BoDV-1 getestet, sowie die klinischen und epidemiologische Daten der Patient*innen verglichen.4
Bei 8 neuen Enzephalitis-Fällen wurden BoDV-1-RNA sowie -Antikörper gefunden, nur 2 von ihnen waren Transplantationspatient*innen mit entsprechender Immunsuppression.4 Bei den 8 Betroffenen zeigte sich die Erkrankung zu Beginn mit Kopfschmerzen, Fieber und Verwirrtheit.4 Danach folgten neurologische Symptome.4 Die BoDV-1-Diagnose wurde bei 7 bereits bekannten Fällen aus Regensburg bestätigt.4 Die Erstdiagnosen fanden in demselben diagnostischen Zentrum statt, was auf eine mögliche Verbindung unter den Erkrankten hindeutete.4 Die BoDV-1-Sequenzanalyse zeigte jedoch, dass sich die Patient*innen unabhängig voneinander angesteckt haben.4
Die Autoren der Studie schlussfolgerten, dass sowohl immunsupprimierte als auch gesunde Personen in endemischen Regionen von BoDV-1-Infektionen betroffen sind.4 BoDV-1 kann zu tödlichen Zoonosen führen, daher sollten alle Enzephalitis-Fälle auf BoDV-1 getestet werden.4
Fazit
Referenzen
- Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Enzephalitiden durch Bornaviren (BoDV-1 und VSBV-1), Stand: 2025, URL: https://www.bnitm.de/labordiagnostik/leistungen/bornaviren (zuletzt aufgerufen: 04.02.2025).
- Schlottau K et al. N Engl J Med. 2018; 379(14): 1377-1379.
- Bauswein M et al. Viruses. 2023; 15(1): 188.
- Niller HH et al. Lancet Infect Dis. 2020; 20(4): 467-477.5.
- Robert Koch-Institut, Merkblatt: Informationen zur Vermeidung von Infektionen mit dem Borna Disease Virus 1, Stand: 2024, URL: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/B/Bornavirus/Merkblatt.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (zuletzt aufgerufen: 04.02.2025).
- Schulze V et al. Transbound Emerg Dis. 2020; 10.1111/tbed.13556. doi: 10.1111/tbed.13556.
- Schmutzhard E und Pfausler B. Nervenarzt. 2018; 89: 1332-1337.
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